2008-04-30 10:28:00

"Hoppla, es geht ja noch!"

Pflegliche Worte von Schriftstellerin Christine Nöstlinger zu Alter, Schatzgräberei, Literatur, Pflege und noch einiges mehr.

Christine Nöstlinger lebt als freie Schriftstellerin in Wien, schreibt Kinder- und Jugendbücher und ist für Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen tätig. 

 
 
 
 
 
Folgende Zitate sind einem Gespräch entnommen, das Willi Stelzhammer
für SOZIAL GLOBAL mit ihr führte:
 
 
Zum Älterwerden: Was früher ein Altersheim war, was früher am Land das Ausgedinge war, also da geht es alten Menschen in heutigen Zeiten nicht nur besser – auch wenn noch allerhand im Argen liegen mag – sondern sie können auch in mehr Würde altern als früher.
 
Zur Pflege daheim: Wenn ich alte Menschen ernst nehme, ist jeder einzelne Fall ein ganz individueller, den man auch nur als solchen beurteilen kann.
 
Frauen und Pflege: Wenn ich mir die Fälle anschaue, die ich aus meinem Freundeskreis kenne, stelle ich fest, dass es immer Männer waren, die daheim gepflegt wurden. Es war nie eine Frau. Mir ist das nicht so gut vorgekommen. Meine Vorstellung war immer: Da geht eine Frau dabei zu Grunde, die pflegt. Dafür habe ich auch Belege. Kaputte Rücken auf ewig, solange sie noch lebt, Depression, sogar Aufenthalt in der Psychiatrie, weil das Ganze nicht mehr „derpackt“ wird.
 
Zum Pflegeberuf: Ich habe nie zu denen gehört, die den Pflegeberuf gering schätzen, ganz im Gegenteil. Aber seit neun Monaten sehe ich dort, wo mein Mann liegt, wie das funktioniert, und meine Hochachtung ist noch unermesslich gestiegen. Was die Leute dort leisten und eben mit wie viel Empathie und wie sehr sie versuchen, sich einzufühlen und das Bestmögliche zu machen, das ist wirklich bewunderungswürdig.
 
Zur „Rund um die Uhr-Pflege“: Wenn ich eine „Rund um die Uhr-Pflege“ für einen Verwandten brauchen würde – und selbst wenn ich mich entschlossen hätte, das daheim zu tun – hätte ich mir auch nie, sei es eine slowakische oder eine sonstige Pflegerin engagiert, weil ich halte das für absolute Ausbeutung.
 
Zum lebenslangen Lernen: Schön wer’s kann. Bei den meisten Menschen, die ich kenne, stelle ich fest, inklusive bei mir selber, dass ich mir mit zunehmendem Alter Sachen schlechter merke. (…) Aber es gibt ja welche, die im Alter – und das hat nichts mit Demenz zu tun – viel phlegmatischer werden und sich für Neues nicht mehr interessieren.
 
Zum Internet:. Also Surfen is net meins. (…) Ich nehme immer noch lieber ein dickes Lexikon zur Hand und blättere im Lexikon. Das ist mir ein taktiles Vergnügen, Papierseiten umzublättern, und das gefällt mir irgendwie besser als in den „Google“ zu gehen.
 
Über das Schreiben am Computer: Ich glaube, einem Verlag kann man heute kein Manuskript mehr geben. Da müsstest du ein ganz ein berühmter Schriftsteller sein, dass du dir einmal leisten kannst, auf einer Maschine da was runterzutippen.
 
Zur Notwendigkeit einer Lobby für die Alten: (…) Es ist einfach so, wer, wie es so schön altmodisch heißt, „in Lohn und Brot steht“, der hat das Sagen in diesem Land. Die Kinder haben nix zu sagen, die Alten haben nix zu sagen, und die Arbeitslosen haben nix zu sagen. Das sind die drei Gruppen. (…) Es wird nicht besser, wenn man nix tut, das ist einmal ganz klar.
 
Zur Literatur für ältere Kinder: (…) Als Schwierigkeit fällt mir zum Beispiel ein, was ich bei vielen alten Menschen feststelle und was ich merkwürdigerweise auch schon anfange: Ich will mich nicht unbedingt mehr aufregen oder mit irgendwelchen sehr deprimierenden Dingen konfrontiert werden (…) Der heitere Sommerroman, wäre für viele meiner Freundinnen ein Wunschbuch.
 
Zu den inneren Schätzen: (…) Es gibt auch alte Menschen, da kannst graben wie du willst, da kommt kein Schatz heraus, genauso wie bei den Jungen.
 
Zur Zufriedenheit: Wenn du ein Leben hattest mit dem du, alles in allem, zufrieden sein kannst, rückblickend, dann kannst du dir sagen: Okay, ich habe ein paar Fehler gemacht. Es war nicht immer lustig, aber eigentlich brauche ich mich für das, was ich gemacht habe, nicht zu genieren. Wenn du das sagen kannst, dann bist du, glaube ich, im Alter auch viel aufgeschlossener und kommst mit dir selbst und mit den anderen auch viel besser zurecht als wenn du ein Leben hinter dir hast, auf das du eigentlich – und da gibt es halt auch sehr viele Menschen – im Grunde genommen verbittert zurückschaust.
 
Zum verbleibenden Weg: (…) Ich habe vor sieben Jahren Brustkrebs gehabt. Es wurde mir eine Brust weggenommen. Da weißt du natürlich nie: Hast du Brustkrebs gehabt oder hast du ihn noch? (…) Wenn ich nicht gerade einen sehr optimistischen Tag habe, stelle ich mir vor, irgendwann – gottlob erst in etlichen Jahren – wird irgendwie wieder eine Krebserkrankung kommen. Dann werde ich – das stelle ich mir für mich vor – wenn ich dann irgendwelche Metastasen habe, mir die nicht unbedingt alle behandeln lassen, sondern Ärzte suchen, die mir dementsprechend, dass ich keine Schmerzen habe, zu einem Ende verhelfen, irgendwo. (…) Aber eigentlich sehe ich es gelassen. Ich bin einundsiebzig Jahre alt, ich lebe noch gerne, sehr gerne sogar, meistens zumindest, aber …
 
Zur Arbeit: (…) Wenn ich eine ganze Woche überhaupt nichts geschrieben habe, dann komm ich mir halt – nach einem sehr arbeitsreichen Leben, wo ich ja immer wirklich ein „Workaholic“ war – ziemlich unnütz vor. Weil das ist ja auch ein Faktum, wenn du vierzig Jahre lang, abgesehen von Haushalt und Kindern, sicher eine Arbeitswoche von sechzig, fünfundsechzig Stunden gehabt hast, dann hast du irgendwie eigentlich gar nicht viel anderes eintrainiert, nicht? Ich kenne in meinem Leben eigentlich nur arbeiten. Und mit einundsiebzig Jahren sich überlegen: Ich könnte eigentlich ja auch spazieren gehen … Also ich meine, das überlege ich mir gelegentlich, aber das ist nicht mein Leben. Und es ist wahrscheinlich auch sozusagen eine Angst davor, alt und senil zu werden. Dass du immer noch deine eigene Leistung hervorholst und sagst: Hoppla, es geht ja noch!
 
Zum öffentlichen Lesen: Ja, ich mach’s gar nicht schlecht, sage ich dir. Aber vor dreihundert Kindern zu sitzen und da eine Lesung zu halten? Nein, das liegt mir nicht so sehr. Und dann werden sie ja auch sehr schlecht bezahlt.
 
Zum Gedichte schreiben: Ich habe die Mundartgedichte geschrieben. Die sind für Erwachsene. (…) Ich lese viele Gedichte. (…) geschrieben, nein selber nicht. Eher nicht. Ich habe viele Gedichte für Kinder geschrieben.
 
I kann mei Omama net leiden
Dabei hats ma gar nix tan
Aber mir graust so vor ihr
Se hat so a letscherte, gelbe Haut
Und drunter des Fett is ganz schwabblert und wach
Und ihre Zähnd tuats immer ausse
Wann ihr a Nussstrudelbrösel unter de
Bissplatten kummen is
Und wischts mit der Schneuzgattn ab

Download: Das gesamte Interview mit Christine Nöstlinger (PDF | 109 KB)

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