2008-12-04 09:54:00
Pflegliche Worte von Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der Österreichischen Armutskonferenz, zu Alter, Pflegebedürftigkeit und Armut.

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der Österreichischen Armutskonferenz.
Arbeit, Arbeit, Arbeit, und zum Schluss geht sich nicht einmal eine Pension aus
(…) Nur wenige wissen, dass sich in Österreich fast 60.000 Menschen in meist stationärer Betreuung befinden und Sozialhilfe beziehen, weil sie die anfallenden Pflegekosten unmöglich aus ihrem eigenen Einkommen bezahlen können. Diese Zahl steigt massiv, weil es da offensichtlich ein Problem gibt. Viele meinen, die älteren Menschen lebten im Wohlstand, seien die Generation die profitiere, den PensionistInnen ginge es ohnehin allen gut. Dabei gibt es aber doch überraschend viele, weit über 250.000 AusgleichszulagenbezieherInnen, die mit EUR 700,– netto im Monat ihr Auskommen finden müssen. Aus den neuesten Armutsstatistiken wissen wir, dass ungefähr 100.000 ältere Menschen, PensionistInnen, in ganz schlechten sozialen Verhältnissen leben, also in schimmligen Wohnungen, abgetragene Kleidung tragen, etc. (…) Zusätzlich leben noch ca. 4.000 alte Menschen ausschließlich von der Sozialhilfe, weil sie nicht einmal eine Pension bekommen. Das ist für diese Menschen persönlich sehr entwürdigend.
Pflege als Rechtsanspruch, über Steuern finanziert
(…) Die Lebenserwartung richtet sich ganz stark nach dem sozialen Status der Menschen. Es gibt zwischen Oben und Unten, also den Reichsten und den Ärmsten in Österreich, große Unterschiede in der Lebensqualität. Beispielsweise leben die Reichsten durchschnittlich fast sieben Jahre länger als die Ärmsten. Das ist nicht wenig. Diejenigen, die ihr Leben lang sozial benachteiligt waren, sind auch länger pflegebedürftig. Sie leben kürzer und haben längere Zeiten der Pflegebedürftigkeit – auf Grund der stärkeren Belastung ihres Körpers, aber auch ihrer Psyche. (…) Da wäre es der erste richtige Schritt zu sagen: Pflege und pflegebedürftig zu werden ist ein Lebensrisiko, das uns alle trifft. Und wenn es in der Gesellschaft ein Risiko gibt, das alle trifft, dann muss das auch gemeinsam und solidarisch abgesichert werden. (…)
In Schweden gibt es für alte Menschen eine flächendeckende Tagesbetreuung
(…) In Österreich werden 80% der Pflegebedürftigen von der Familie betreut, in Schweden sind das genauso 80%. Nur der Unterschied ist, dass, wenn in einer Familie In Österreich etwas passiert, was Pflege erfordert, es selbstverständlich ist, dass man die nächstgelegene Frau sucht, die das macht.(…) In Schweden ist das ganz anders, ich habe mir das selbst angesehen. (…) Dort gibt es für alte Menschen eine flächendeckende Tagesbetreuung, die sehr professionell und qualitativ hochwertig funktioniert, wo man eben die Oma oder den Opa, die Mutter oder den Vater, beispielsweise von 8 bis 14 Uhr hinbringen kann, während dieser Zeit arbeiten geht und ihn/sie dann wieder abholt. (…) Oder es gibt auch mobile Dienste, die bis zu sechs, sieben Stunden täglich finanzierbar sind, also für ein Durchschnittseinkommen und auch ein kleineres Einkommen leistbar sind.
Dänemark gibt 3,5% seines BIP für Pflege aus, Österreich knapp über 1%
(…) Das kann man natürlich nicht nur ökonomisch definieren. Ich glaube, dass man in der Beurteilung von Marktwirtschaften auch eine Mentalität ablesen kann, zum Beispiel wieviel die Gesellschaft bereit ist in die jeweiligen Wirtschaftssektoren zu investieren. Man muss nämlich beides machen, man muss schauen wie man die Leistungen und die Arbeit, die in dem Bereich passiert, so darstellen kann wie sie sind, also auch positiv und ressourcenorientiert – nicht nur immer negativ – und gleichzeitig darauf achten, was noch zu tun bleibt. (…)
Investition in die häusliche Pflege ist eine Investition in die Zukunft
(…) Wenn ich zum Beispiel in die Pflege investiere, dann bedeutet das ja in vielerlei Hinsicht auch weniger Kosten. Weil die Familienangehörigen nicht so extrem ausgepowert werden, weil es weniger Hospitalisierungen, Behandlungsmehrgleisigkleiten oder überhaupt falsche Behandlungen, etc. gibt. Das heißt, es gibt Umwegrentabilitäten. Dort, wo stärker in den Pflegesektor investiert wird, wird auch ein Arbeitsmarkt für Tausende von Menschen geschaffen. Am besten wäre es, sie auch gut auszubilden und mit einem Lohn auszustatten, der akzeptabel ist. Gleichzeitig damit würde die Konjunktur und Produktivität eines Landes angekurbelt werden. Weiters würden mit diesem verstärkten Dienstleistungsangebot in der Pflege auch die Voraussetzungen für viele Frauen geschaffen, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können.
Das Gegenteil von Eigenverantwortung ist die Untertanenmentalität
(…) Die Neoliberalen sagen immer, das Gegenteil von Solidarität wäre eben Eigenverantwortlichkeit und mehr private Vorsorge, mehr private Pensionen etc. Das halte ich für einen Unsinn. Das ist nicht das Gegenteil. In Wirklichkeit kann ich erst eigenverantwortlich, selbstbestimmt und in Freiheit handeln, wenn ich auch weiß, dass ich solidarisch gehalten und gestützt werde, also wenn ich ein Netz zur Verfügung habe. (…) Was immer vergessen wird, wenn in Österreich gegen den Neoliberalismus geschimpft wird, das ist die Untertanenmentalität. Und die heißt: „Alle nur net i, der Papa Staat, die Anderen, sollen das machen. Schuld sind immer die anderen, i bin immer das arme Opfer.“ Diese Haltung dominiert die österreichische Geschichte sehr; und das gehört natürlich auch aufgebrochen. (…)
… Will you still need me when I am sixty four?
(…) Bisher habe ich immer in anderen gesellschaftlichen Feldern gearbeitet: Menschenrechte, Flüchtlinge, Armut. Bereiche in denen halt andere Fragen im Vordergrund stehen. Aber seit drei, vier Jahren habe ich mich, im Rahmen meiner Tätigkeiten in der Diakonie verstärkt mit der Pflegethematik und der Pflegepolitik auseinandergesetzt. Und da ist mir zum ersten Mal die Frage gekommen: Wie will ich eigentlich alt werden, wie wird das sein? Und ich habe mir gedacht, was ich sicher will ist, dass, wenn ich einmal nicht mehr selber kann, oder niemanden mehr hab, dass die Betreuung irgendwie am Wohnort sein muss. Zu mindestens in der Nähe des Wohnortes. (…) Das Ganze ist sehr ambivalent, denn es macht schon ein bisschen Angst, wenn man denkt: Wird das so sein, dass dann wer da ist? So, wie es bei den Beatles heißt: „When I am sick will you still feed me, will you still need me when I am sixty-four? Wie wird das sein? Also das ist schon eine Unsicherheit. Vielleicht ist es auch das, was den Diskurs so bestimmt. Die Unsicherheit der Dreißig- bis Fünfzigjährigen, die, glaube ich, den Mediendiskurs bestimmen. Die meisten PolitikerInnen sind ja in diesem Alter, die ChefredakteurInnen, also alle die, die die öffentliche Meinung machen und vielleicht kommen ja aus dieser eigenen Sorge auch diese Verdrängung oder wenn nicht verdrängt wird, dieses Negative, diese Bedrohungsszenarien. (…)
Innovativ eine Klostersuppe ausschenken ist nicht notwendig
(…) Alles muss innovativ sein, das ist ja schon lachhaft. Da gibt es innovative Sozialprojekte und innovative Pflege und innovative Irgendwas. Auch im Sozialbereich drängt dieses Wort mittlerweile vor, und es überlegt keiner was das eigentlich wirklich bedeutet. Was heißt denn innovativ? Also innovativ eine Klostersuppe ausschenken, ist nicht notwendig, sondern die soll warm, gut und nahrhaft sein und innovativ pflegen will ich auch nicht, sondern Pflege muss bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. (…) Wir haben vor ein paar Jahren den Kulturpass eingeführt für Menschen, die kein Geld haben. Das ist sehr schnell gewachsen und eine Supersache geworden. Menschen mit Mindestpension und Ausgleichszulage oder Menschen, die Sozialhilfe im Alter beziehen, haben Anspruch auf diesen Pass, mit dem sie kostenlos ins Kino, ins Theater, ins Konzert gehen können. Es ist erstaunlich, wie hoch die Inanspruchnahme von PensionistInnen und AusgleichszulagenbezieherInnen ist. Das hat uns selbst überrascht. (…)
Das Argument Überalterung ist ein ökonomischer Schmarren
(…) Dass auf Grund der höheren Lebenserwartung jetzt so eine große Zahl an alten Menschen da ist, die die Erwerbstätigen nicht mehr finanzieren können, das ist falsch, denn wenn man sich die letzten Jahrhunderte ökonomisch anschaut, war dieses Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und nicht Erwerbstätigen früher viel höher als jetzt. Es wird halt immer vergessen, dass das auch eine Frage der Produktivität ist. Vor hundert Jahren waren noch 60 bis 70% Bauern, und alle haben gesagt: Wenn die Zahl der Bauern zurückgehen wird, wird das die Gesellschaft nicht aushalten. Heute haben wir 3% Bauern, die die gesamte Gesellschaft ernähren. (…) Und dass die Alten auf Kosten der Jungen leben ist ökonomisch auch ein Blödsinn, weil man weiß von den ökonomischen Transfers, dass sowohl die Erbschaften als auch die sogenannten informellen Transfers, also das was Oma und Opa den Enkerln oder den Kindern zustecken, Millionensummen an Euro, von Alt zu Jung und nicht umgekehrt ausmachen. Aber das ist Teil der Dramatisierung der Debatte. (…)
Integration statt Arbeitsmarkt-Sackgasse
(…) Das ist ja auch eine teilweise unredlich geführte Diskussion, weil zum Beispiel bei den sogenannten 40 Stunden-Kräften offensichtlich alles „wurscht“ zu sein scheint, das heißt, da wird nicht die Frage der Integration gestellt: (Jetzt kommen ja schon mehr und mehr nicht mehr nur aus der Slowakei sondern auch aus Rumänien und bald aus der Ukraine). Da ist die Integration kein Thema oder wie es mit dem Spracherwerb aussieht oder mit Aufstiegsmöglichkeiten, dass man ihnen Qualifizierungsmaßnahmen anbietet, damit sie aufschulen können und dann halt Heimhilfe oder ähnliches machen können, sondern das wird als Arbeitsmarkt-Sackgasse organisiert. Die sollen nur reinkommen, pflegen und dann wieder heimgehen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. (…) Wir meinen eben, dass es eine große Lücke gibt, und die 24 Stunden-Betreuung weist auf diese Lücke hin: zu wenig leistbare Unterstützung zu Hause und zuwenig fach- und standesinteressenübergreifende Hilfe, wo Pflege und Betreuung in einem angebracht sind. Wir haben ein zu stark standespolitisch segmentiertes Gesundheits- und Betreuungssystem. Und das ist, glaube ich, auch als Signal zu werten, wenn mehr und mehr Menschen sagen: Wir wollen Pflege und Betreuung, aber integriert in einem Angebot. (…)
Wo sind die Menschen? Wo sind die alle?
(…) Neben den professionellen Strukturen braucht es eben auch eine zivilgesellschaftliche Entsprechung. Besuchsdienste, die einkaufen gehen und Dinge tun, die ganz einfach wären, die aber in einem anonymen Stadtbezirk nicht selbstverständlich sind. Das ist am Land sicher noch einfacher, obwohl man da auch keine Illusionen haben darf. (…) Ich selbst komme aus dem Weinviertel, aus einem 800-Seelen-Dorf, dort wohnen meine Großeltern. Und wenn ich da manchmal vorbeikomme, ist oft kein Mensch auf der Straße. Wo sind die Menschen? Wo sind die alle? Die einen sind in der Arbeit, und die anderen sitzen zu Hause. Und die großen gemeinschaftlichen Organisationen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Es gibt noch die Kirche, aber da geht niemand mehr hin, oder jedenfalls weniger, die Feuerwehr, ja, ein bisserl die Männer. Wirtshäuser gibt’s keine mehr, die sind alle zu, Greissler gibt’s nicht mehr, nur mehr Supermärkte in der nächsten größeren Ortschaft, die Postämter sind letztes Jahr geschlossen worden. Also diese Formen, wo Gemeinschaftlichkeit vorhanden ist, die gibt es auf dem Land auch immer seltener. (…)
Die alten Menschen brauchen eine Lobby, nicht nur in Wahlkampfzeiten
(…) Es ist schon massiv brisant. Nur glaube ich, dass die Brisanz sich nur darauf bezieht, dass die betroffene Gruppe der alten Menschen zwar sehr wahrgenommen wird als stimmenbringender Wahlfaktor, aber nicht ernsthaft in ihren Bedürfnissen und Lebensrealitäten, denn das würde ja etwas anderes heißen. Dann würden ja andere Antworten kommen. Zur Pflegeproblematik und auch zu anderen altersrelevanten Themen. (…) Wichtig ist es, altersspezifische Angebote zu machen, aber man darf nicht vergessen, dass auch hier die Angebote nach sozialem Status verteilt sind. Wofür sich Menschen interessieren, das hängt sehr stark von der Bildung ab, welchen Hobbys und Aktivitäten man nachgeht, was man isst, etc. Das ist zwar brutal, aber das hat alles was zu tun mit Einkommen und Bildung.
Die EntscheidungsträgerInnen müssen sensibilisiert werden
(…) Die Dänen haben in den 1980er-Jahren beschlossen, keine Heime mehr zu bauen. Sie haben sogar Überlegungen angestellt, wie sie die Heimstrukturen langsam rückbauen oder umbauen zu gemeindenahen, wohnortnahen Wohnformen. (…) Also ich kann mir das für mich gut vorstellen. Auch wenn es wahnsinnige Streitereien geben sollte, das hält mich lebendig mit fünf, sechs anderen in einer WG-Wohnform zu leben. Aber meine Freundin, die könnte das nie, die würde das nicht aushalten. Da muss man dann halt ein Arrangement finden. Keine Ahnung wie. Aber darum geht es doch oder? Um diese bunte Vielfalt an Wohn- und Lebensformen und nicht nur als einzige Alternativen: stationäre Pflege oder 24 Stunden-Pflege. (…) In Wirklichkeit müsste die Generation, die jetzt am Drücker sitzt, das Problembewusstsein haben und sich entschließen etwas zu tun. Unter dem Motto: Ich möchte, wenn ich alt bin, in der und der Weise leben und deshalb entscheiden wir jetzt ganz egoistisch, aber gemeinsam, vielleicht sogar in einem Allparteienbeschluss die grundlegend nötigen Reformen, um eine bessere Qualität der Pflege und Versorgung auch für mich sicherzustellen, wenn ich einmal alt bin. Aber so weit sind wir eben noch nicht.